"Ohne Gospel ist Weihnachten nicht denkbar"
Gospelmusik und das Fest der Feste - eine adventliche Meinungssammlung
Nun sind wir wieder mitten drin in der Adventszeit. Die Weihnachtsmärkte locken mit Glühwein, gebrannten Mandeln und Kunsthandwerk - und die Gemeindepfarrer hoffen, am Heilig Abend wieder ein volles Haus zu haben, wenigstens einmal im Jahr. Oder gibt's doch noch andere Anlässe, bei denen die Kirchen stets gut gefüllt sind? Ja, bei Gospelkonzerten. Und die haben nun auch ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit Hochkonjunktur.
Anlass genug für die Berlin-Gospel-Web-Redaktion, in der Szene nachzufragen, was Gospelfans mit "Gospel zu Weihnachten" verbinden. Hier präsentieren wir Euch eine Auswahl der vielen E-Mails, die wir zu dem Thema bekommen haben. Vielen Dank an die fleißigen Schreiber und Euch allen viel Spaß beim Lesen.
Durch Mahalia Jackson in "höhere Sphären"
"Ich denke, dass das Verhältnis zu Weihnachten zutiefst von den Erfahrungen geprägt ist, die man als Kind gemacht hat", schreibt Helmut Exner. "Bei mir bestand Weihnachten nicht nur aus Geschenken, sondern hatte auch eine religiöse, eine wunderbar menschlich-familiäre und eine musikalische Dimension." Mit 15 Jahren habe er dann zum ersten Mal "Silent night" von Mahalia Jackson gehört. Und es sei die Kombination aus schönsten Kindheitserfahrungen (Stille Nacht gehörte bei Exner natürlich zum Repertoire in der Familie) und der Ausdruckskraft dieser grandiosen Gospelsängerin, die ihn in "höhere Sphären" gleiten ließ. "Die Aufrichtigkeit und Überzeugungskraft der Sängerin, die stets glaubte, was sie sang, entschädigte für den Rummel, den Kommerz und die übertriebene Sentimentalität", schreibt Helmut Exner. Seitdem sei Weihnachten ohne Gospel für ihn nicht mehr denkbar.
"Wir haben mit dem Schul- und dem Gospelchor das ganze Jahr über ,Hochkonjunktur' für Gospelkonzerte und -Gottesdienste - interessanterweise wollen die meisten ChorsängerInnen und auch die Veranstalter um Weihnachten herum aber dann doch gerne traditionelle Weihnachtslieder im Programm haben", sagt Birgit Ott aus Göttingen. Sie sieht darin eine gute Gelegenheit, den traditionellen Gegensatz zwischen Gospel und klassischer Kirchenmusik aufzulockern.
Antje Ruhbaum vom Berliner Chor "The Gospel Friends" findet es "eigentlich klasse, dass es diese weihnachtliche ,Gospelsaison' gibt. Für sie ist das ein Zeichen dafür, dass Gospel nicht nur in den Gemeinden, sondern auch in der Welt wenigstens einmal im Jahr einen richtig festen Platz gewonnen hat. "Möge es so bleiben und von dort aus noch weitergehen", sagt die Chorleiterin.
Gospel als saisonunabhängiges Lebensgefühl
Weihnachten sei für sie eine festliche Zeit und Gospelmusik bringe eine fröhliche Atmosphäre, schreibt Renate Nelson aus Lufkin in Texas (USA). "Ich höre Gospel das ganze Jahr hindurch. Weihnachten bedeutet für mich nicht Geschenke, Partys etc., sonders Dank an den, der mir jeden Atemzug gibt und der mir meine Sünden vergeben hat", so Nelson. Mit Gospelmusik könne man ihrer Meinung nach die Atmosphäre verändern und Negatives in Positives umändern, ganz nach dem Motto "Praise breaks the yoke" (Lobpreis zerbricht das Joch). "Wenn man ein Schweres Gemüt hat und Gospelmusik hört, dauert es nicht lange bis man unbemerkt mitsingt. Wie gesagt: Den Weihnachtstrubel, einkaufen usw., das brauche ich nicht, aber ohne Gospel geht es nicht", schreibt Renate Nelson.
Auch für Ute Gerst ist Gospel nicht abhängig von einer Saison: "Weil es ein Stück Lebensgefühl vermittelt. Gospel macht einfach Spaß und tut immer gut". Diese Musik habe mit Recht zu Weihnachten Hochkonjunktur, schließlich hätten christliche Inhalte zu dieser Zeit naturgemäß ihren Höhepunkt im Jahr, so Gerst.
"Wenn ich ehrlich bin, bedeutet mir Gospelmusik zur Weihnachtszeit auch nicht mehr als sonst", sagt Katrin Steckel. Sie höre das ganze Jahr zu Hause sehr viel Gospelmusik, gehe zu Konzerten, Workshops und singe selbst in zwei Gospelchören mit. Es freue sie natürlich, wenn es zur Weihnachtszeit viele Leute zur Gospelmusik hinzieht. "Aber wäre es nicht schöner, wenn dieses Interesse das gesamte Jahr über da wäre?", fragt Steckel. Natürlich sei gerade für Christen das Weihnachtsfest von großer Bedeutung, aber der Glaube bleibe doch das ganze Jahr über bestehen - wieso also nicht auch die Gospelmusik, durch welche die bedingungslose Liebe Gottes den Leuten näher gebracht werden soll?
Uwe Thien von "Marvelous Praise" genießt es besonders, mit seinem Gospelchor in der Vorweihnachtszeit Konzerte zu geben. Grund: "Die Menschen strömen plötzlich alle in die Kirchen, nehmen sich die Zeit und lauschen den himmlischen Klängen. Alle sind durch die festliche Stimmung emotional miteinander verbunden - in der Sehnsucht nach Friedlichkeit, nach einer Auszeit, nach menschlicher Nähe und nicht zuletzt nach Gott". Neben der besinnlichen Komponente ist die Adventszeit für Thien aber auch eine Zeit zum Feiern, zum Spaß haben. "Eine Zeit, in der ich das Bedürfnis habe, meine Vorfreude aus vollem Herzen heraus zu singen und zu tanzen". Und da spielt natürlich Gospel eine wichtige Rolle. Bestes Beispiel sei für ihn der Kirk Franklin-Song "Jesus is the Reason for the Season" mit seinem groovigen Stilmix aus HipHop, Funk und klassischem Weihnachtslied.
Ilona Johl will sich im Advent genügend Zeit einräumen, um einige Gospelkonzerte zu besuchen. Obwohl ihr Gospelchöre zu jeder Jahreszeit gefallen, gehören sie für sie zur Weihnachtszeit "genau wie die Kirche am Heiligen Abend".
"Gospelmusik ist für mich in erster Linie eine Musik zum innerlichen Mitgehen und/oder zum (äußerlichen) Mitmachen", schreibt Yan-Christoph Pelz aus Köln. "Ich werde angerührt durch tiefe menschliche Gefühle, die durch diese Musik transportiert werden: Trauer, Schmerz, Wut aber auch große (Lebens)freude". Weihnachten sei für ihn vor allem ein Fest, an dem er daran erinnert werde, "dass ich Neues in mein Leben lassen kann und darf, dass neues Leben, neue Hoffnung beginnt. Die beiden Aspekte zusammen gesehen ergeben für Pelz eine klare Meinung: "Dass ich mit Gospel zu Advent und Weihnachten sehr viel anfangen kann".
Für den Kölner ist dabei jedoch eines besonders wichtig: ein authentischer Ausdruck von Gefühlen. "Wird nach meiner Wahrnehmung eine ,Gospelshow' abgezogen (à la ,Harlem Gospel Singers'), kann ich weder zur besinnlichen Zeit noch zu jeder anderen Zeit etwas damit anfangen. Das wäre dann schade um meine Zeit, um die der Musiker und vor allem um die nicht wirklich ausgedrückten und gelebten Gefühle.
Sind die Profi-Tourchöre authentisch?
Auch Antje Ruhbaum aus Berlin hat eine spezielle Beziehung zu gecasteten Tourgruppen, die nur für den europäischen Markt zusammengestellt werden (z.B. "Golden Gospel Singers", "Black Gospel Singers" usw.) "Wenn man sie einmal gehört hat, muss man nicht wieder hin", so Ruhbaum. Ihr werde immer wieder bewusst, dass für sie Authentizität auch der religiösen Aussage für ein gutes Gospelevent zum unverzichtbaren Qualitätsmerkmal geworden sei.
Arjan Leuschner aus Wolfsburg fragt: "Wie viel Showanteil hat ,The Very Best of Black Gospel' (Anm. der Redaktion: eine Gospel-Show, die zur Zeit durch Deutschland tourt) und wie viel ist wahr von dem, was dort beworben wird?" Vor allem stört sich Leuschner an Superlativen wie "die besten Gospelsänger in einer Gruppe vereint" oder "die bekanntesten und schönsten Gospelsongs aller Zeiten", räumt aber ein, dass diese Gruppen - sollten sie es denn vermögen, die Menschen zu berühren und zu trösten - durchaus zu akzeptieren sind. Im übrigen, so Student Arjan Leuschner, könne man wohl davon ausgehen, dass selbst die gecasteten Gospel-Profis "ein Vielfaches mehr an tiefem Glauben besitzen als deutsche Gospelchöre". Hierzulande gebe es leider zu oft ein Ungleichgewicht zwischen toller Musik und Glauben.
Britte Haack von den "Inspiration Gospel Voices" aus Hamburg sieht die Dinge wieder ein bisschen anders. Sie hat gerade den Sänger Tim Riley kennen gelernt, der bei der Show "The Very Best Of Black Gospel" mitgewirkt hat und nun in Hamburg lebt. "Ich durfte durch Tim viel über Gospel lernen, auch über die ,schwarzen Gemeinden'. Wie ich es verstanden habe, sind die Sänger sehr im Glauben, sie wachsen ja schon so auf und lassen ihr Leben von Gott leiten", erzählt Haack.
Tim Riley leitet inzwischen in Hamburg einen eigenen Gospelchor. Das besondere daran sei nicht nur die wunderbare Musik, so Brigitte Haack. "Als ein besonderes Geschenk empfinde ich die von ihm immer wieder eingebrachten Erklärungen der Songinhalte. Er bemüht sich uns die Inhalte zu verdeutlichen und uns den Glauben näher zu bringen. Der Chor startet mit einem Gebet und endet mit einem Gebet. Tims Glaube ist felsenfest."
Brigitte Haack kann sich durchaus vorstellen, dass nicht alle der Profisänger gläubig sind. "Aber sind das alle in den Gemeindechören?", fragt auch sie. Wichtig ist für Brigitte Haack jedoch der Weg zum Glauben. So manch einer fange sicherlich an nachzudenken, wenn er ein Gospelkonzert höre. "Die Songs gehen alle zu Gott und dem Nachdenken kann man sich doch nur schwer entziehen. All die Empfindungen die da in uns rühren! Die ganze Liebe zu Gott die in den Songs komponiert wurden, die Texte die all dies bestätigen. Die wunderschönen Melodien! Von mir aus ist es ein großes Willkommen - über die Gospelmusik den Menschen den Glauben näher zu bringen", betont Brigitte Haack.
Karsten Sievert ist beim Thema "Profi-Gospelgruppen" etwas skeptischer. Er berichtet von Promotion-Firmen, die Gospel-Shows kreieren. "Die Firma entwickelt das Konzept - manchmal basierend auf einer Frontfrau oder einem Leadsänger - stellt den Tourplan auf, castet dann die Sänger, und ab geht's auf die Straße", schreibt Sievert. Da kurze Anreisewege von Vorteil seien, fänden sich viele in Deutschland arbeitende Musical-Sänger in den Gruppen. Und die sind natürlich erstklassig ausgebildet. Als zynisch empfand Karsten Sievert allerdings ein Stellenangebot aus den USA. Dort entdeckte er in den FAQs als Antwort auf die Frage "Muss ich toll singen können?" folgende Antwort: "Nein, nicht besonders, das deutsche Publikum betrachtet das dann als Zeichen von Authentizität".
Auf einer typischen Profi-Gospel-Tour durch Deutschland gibt es laut Sievert einen Tourmanager, der quasi als Diktator auftritt: "Wer nicht bedingungslos auf ihn hört, fliegt noch während der Tour raus". Auch das habe er in den FAQs der besagten Stellenbeschreibung gefunden.
Verallgemeinern könne man diese Situation natürlich nicht, betont Karsten Sievert. "Wir kennen ja die Beweggründe des Einzelnen nicht." Jeder Tour-Teilnehmer sei schließlich frei, seinen Glauben auszuleben und zu vermitteln oder eine Show abzuziehen. "Da wird es kleine Unterschiede zwischen den Gruppen geben, aber leider kennen wir die nicht. Wahrscheinlich ist das Management glücklich über überzeugte Christen im Ensemble, solange niemand damit die Show stört oder das Publikum mit zuviel Religiosität überfordert", so Sievert.
Er habe mit (Musical-) Sängern gesprochen, denen er abgenommen habe, dass ihnen der Glaube wirklich wichtig sei. Andererseits wisse er auch von einer Begebenheit, wo ein Sänger beim Abgang von der Bühne einer Zuschauerin mit besonders wissend-skeptischem Blick zugeraunt hätte "It's only for the living" (sinngemäß übersetzt: Ich mache das nur, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten). "Also können wir nur unsere Augen aufsperren und uns jedes mal neu ein eigenes Bild machen", meint Karsten Sievert.
Eins sei aber vollkommen klar: "Eine Truppe, die aus exzellenten Solisten für eine Show zusammengestellt wird, ist niemals so aufeinander eingesungen, wie eine echte feste Formation, die den Zusammenklang seit zum Teil Jahrzehnten kultiviert", sagt Sievert. Er findet es schade, dass die Show-Gruppen Gruppen den Markt hier zu einem guten Teil für "wirkliche" Gospelsänger und Chöre blockieren. Echte US-Gospel-Musiker hätten dadurch Probleme, hier ein Management zu finden und bekämen Sätze wie diesen zu hören: "Wir haben im Bereich Gospel bereits ein Produkt, Danke". Und wenn der Markt bereits von den XYZ-Gospel- Singers abgegrast wurde, bleibt auch wenig für eine authentische Gruppe. Dieses Phänomen kritisiert der Nürnberger Traditional-Gospel-Experte Bernd Grimmel noch härter. "Sowohl Konzerte deutscher Chöre als auch die Gospelshows haben die Konzertaktivitäten authentischer Gruppen kaputt gemacht", so Grimmel.
Was wiederum leider dazu führe, beklagt Karsten Sievert, "dass unsere Zuhörer sich nicht weiterentwickeln, sondern glücklich konsumieren, was die Shows ihnen servieren". Und selbst die deutschen Gospelchöre hätten dadurch entsprechend um Publikum zu kämpfen. Trotzdem ist Sievert überzeugt, dass man selbst mit diesem Hintergrundwissen auch die weihnachtlichen Shows mit dem genießen könne, was sie bieten wollen: "Zum Teil hervorragend ausgebildete Sänger, die für uns Gospels und Spirituals singen und uns damit oft wirklich bewegen können".
(Aufgezeichnet von Mario Gugeler)
gug 2005-12-02
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